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Super, diese Superlative

Eine Sprachbetrachtung von Dr. Marcel Trachsel, Gründer und Partner


Haben Sie kürzlich ein Skirennen am TV verfolgt? Oder bevorzugen Sie Fussball und schauen ab und zu einen spannenden Match am Fernsehen? Achten Sie einmal darauf, wie oft Reporterinnen und Reporter zu den Ausdrücken ‚unglaublich‘ oder sogar ‚unfassbar‘ greifen, wenn es um die Beschreibung von sportlichen Leistungen geht. Natürlich freue ich mich über einen Sieg an der Ski-WM oder ein schönes Tor nach einer wunderbaren Ballstafette. Doch frage ich mich, was daran unglaublich sein soll, wenn Marco ‚Odi‘ Odermatt ein Rennen gewinnt. Odermatt ist von Beruf Skirennfahrer und als solcher verfolgt er das Ziel, die Piste schneller als die anderen herunterzurasen und Spitzenränge zu erreichen. Wenn der französische Fussballer Karim Benzema, der bei Real Madrid unter Vertrag steht, ein Tor schiesst – und mag dieses noch so spektakulär sein –, ist dies letztlich, wofür er seine Millionen verdient, also sicher nichts Unfassbares. Diese Ausdrücke sollen die Berichterstattung attraktiv und dramatisch machen, um letztlich mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Häufen sie sich allerdings, stumpft die Medienkonsumentin und der Medienkonsument ab, und die erhoffte Wirkung bleibt aus.



Mein Lieblings-Superlativ in der Medienberichterstattung ist jedoch der Super-GAU. Dieser Ausdruck, der heute nicht nur im Sport fast inflationär verwendet wird, entbehrt jeglicher Logik. GAU steht für ‚Grösster Anzunehmender Unfall‘. Dieser Begriff stammt aus der Kerntechnik und bezeichnet eine Reaktorkatastrophe. GAU ist bereits ein Superlativ; dieser lässt sich nicht weiter steigern. Grösser als das Grösste geht nicht. Oder doch? Schauen wir, was Google News bei der Eingabe des Stichworts ‚Super-GAU‘ liefert. Hier eine kleine Auswahl:


«E-Auto ist ein Reinfall: Super-GAU für Audi, BMW und Mercedes» (inside digital, 23.2.23)

«Die Grünen sind angetreten, um vor dem Super-GAU zu warnen. Jetzt stellt sich heraus: Die Grünen sind der Super-GAU» (Die Weltwoche, 14.2.23)

«So vermeidet man den Vornamen-Super-GAU à la Kylie Jenner» (Schweizer Illustrierte, 20.1.23)

«Corona und dann der Super-GAU» (NZZ Magazin, 22.10.22)


Was kommt nach dem Super-Grössten Anzunehmenden Unfall: der Mega-GAU oder der Giga-GAU? Der deutsche Sprachpapst Wolf Schneider würde sich in seinem kürzlich bezogenen Grab umdrehen, wenn er so etwas lesen müsste. Er schrieb in seinem Standardwerk ‚Deutsch für Profis‘: «Der Superlativ ist eine schreiende Form, mit der man überaus sparsam umgehen sollte.»


Warum kommen Schneiders mahnende Worte nicht mehr an? Die Boulevardisierung der Medien und die steigende Zahl der Online-Medien zwingen die Medienschaffenden, um die Aufmerksamkeit der Konsumentinnen und Konsumenten zu buhlen, die Konkurrenz auszustechen und ihre Stories auszureizen. Was ist da naheliegender, als die Attraktivität eines Titels und eines Texts durch Superlative vermeintlich zu steigern? Allerdings wirkt dies mit der Zeit bemüht und nervt mich als Medienkonsument zunehmend. Deshalb würde ich mir wünschen, dass mich Autorinnen und Autoren allein mit der Kraft ihrer Geschichte fesseln und auf diese Weise motivieren, ihrem Beitrag bis zum Ende aufmerksam zu folgen. Dass sie sich an konkrete Fakten und Details halten, um eine Leistung zu beschreiben. Dass sie Emotionen erzeugen, ohne auf die ganz grosse Trommel der Superlative zu schlagen. Damit der Medienkonsum auch in Zukunft Freude bereitet und zum Denken anregt.


Und dann lese ich den folgenden Titel in der Zeitschrift Finanz und Wirtschaft vom 8. März 2023: «Novartis hat Produktionsprobleme bei Mega-Blockbuster-Kandidat». Zur Erinnerung: Als Blockbuster definiert die Branche ein Medikament, das einen Jahresumsatz von mindestens 1 Milliarde USD erzielt. Mega steht als Präfix für Million. Das würde heissen, dass das besagte Medikament Pluvicto eine Umsatzerwartung von 1‘000‘000‘000‘000‘000 USD, also einer Billiarde USD, hätte? Wirklich? Bitte, liebe Medienschaffende, denkt, bevor Ihr schreibt, und checkt, ob die Fakten stimmen. Vielen Dank.

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